Der Verspielte

Tausendsassa Chris Hart. Foto: Jan Graber, 2018.PORTRAIT – Er kennt kaum Hemmungen, probiert aus, was seine Neugier weckt und stösst Leute auch gerne mal vor den Kopf: Wer mit Chris Hart zu tun hat, findet sich schnell in der Zwickmühle zwischen Faszination und vorsichtigem Respekt wieder.

Die feingliedrigen Finger seiner schlanken, kräftigen Hände gleiten übers Papier, als möchte er dessen Struktur mit jeder Faser prüfen. Die Art, wie er Dinge anfasst, hat etwas Sinnliches. Wären die Hände gepflegt, könnte man sie als schön bezeichnen und ich sehe ihnen in ihrer Agilität gerne bei der Arbeit zu; sie sprechen von einer grossen Sorgfalt. Sein Händedruck hingegen ist kraftvoll, fast schmerzhaft und herausfordernd. Es sind die Hände von Chris Hart, die Hände eines Handwerkers.

Als ich Chris in der Ateliergemeinschaft Gleis 70 in Zürich Altstetten kennenlerne, weiss ich zunächst nicht, was ich von ihm halten soll. Wie ein Gockel erscheint er mir und ich spüre den fast unterwürfigen Respekt, den ihm sein Umfeld entgegenbringt. Schnell merke ich aber, dass das leicht arrogante Auftreten eine gewollte Provokation ist, sein Mittel, das jeweilige Gegenüber zu testen.

Chris beim Bedrucken von T-Shirts. Foto: Jan Graber, 2018.
Chris beim Bedrucken von T-Shirts. Foto: Jan Graber, 2018.

Kaum ein Mensch in meinem Umfeld kennt Chris nicht. Ob Grafiker, Designer, Ladenbesitzer, Filmer, Vermarkter oder Werber: Wer sich in Zürichs Kreativkosmos bewegt, hat von ihm irgendwann mal einen seiner hochwertigen Siebdrucke oder Schriftzüge herstellen lassen – oder kennt jemanden, der dies getan hat. Und wer mit ihm zu tun gehabt hat, weiss um seine direkte Art und kennt den unmittelbaren, klaren Blick seiner graugrünen Augen, in den sich bisweilen Spott schleicht, wenn sich die eine Augenbraue fragend in die Höhe schiebt und er sein Gegenüber prüfend anblickt. Trotz seiner 47 Jahre strahlt er mit dem dunklen Wuschelkopf und den leicht ergrauten Schläfen (er hasse es, die Haare zu schneiden, heisst es) sowie der gertenschlanken, athletischen Figur etwas Jugendliches aus. Er trägt ein weisser werdendes Bärtchen, das manchmal länger, manchmal kürzer, manchmal gar nicht da ist, und man trifft ihn fast nur in Jeans, bedrucktem T-Shirt und Turnschuhen an. Selten mal stecken seine Füsse in alten Militärschuhen.

[Ich denke: Die Jugendlichkeit des mittleren Alters. Noch nicht loslassen, nicht vergessen und doch das Gewicht der Erfahrung auf den Schultern tragen. Bübisches und Männlichkeit, vereint in einer Person. Das Verspielte, das von den Bedingungen des Lebens bedrängt wird. Daraus erwachsender Widerstand.]

Brille, Düse & Kaffee. Foto: Jan Graber, 2018.
Brille, Düse & Kaffee. Foto: Jan Graber, 2018.

Er sagt: «Die Leute kommen mit mir nicht immer klar.» Denn anders als mit dem Papier geht er mit Menschen weniger sorgfältig um. Er liebt es, sein Gegenüber auf die Probe zu stellen und nimmt meist kein Blatt vor den Mund: Wie kaum ein anderer stellt er unangenehm direkte Fragen und nennt Auffallendes beim Namen, was freilich immer wieder zu peinlichen Momenten führt. Er entschärft sie mit seinem feinen Lächeln. Auch Kunden gegenüber sei er so. Er sagt: «Mir geht es nicht darum, möglichst viele Freunde zu finden; ich bin nicht harmoniesüchtig.» Seine dominante, spitzzüngige Art sorgt in seinem Umfeld für fast übermässigen Respekt – hinter seinem Rücken sagen sie: «Ja, der Chris…» Ihn kümmert dies wenig. Er sagt: «Ich finde es langweilig, keine Ansprüche an die Menschen zu haben.»

[Ich denke: Bedingungen ans Leben stellen, seinem unausweichlichen Verstreichen einen Sinn geben. Empörung über die Vergänglichkeit, die in Forderungen umschlägt und sich in offenes Interesse, aber auch Sarkasmus kanalisiert. Mit der Provokation Dinge in Bewegung setzen.]

Trennscheibe und weitere Werkzeuge. Foto: Jan Graber, 2018.
Trennscheibe und weitere Werkzeuge. Foto: Jan Graber, 2018.

Mich überrascht die Unbefangenheit und Offenheit, mit der er mir begegnet, aber auch, dass ich mich ihm gegenüber immer ein wenig unsicher fühle. Bin ich auf dem Prüfstand? Verhalte ich mich richtig? Seinen Ansprüchen zu begegnen, ist nicht immer leicht.

Aufgewachsen ist er im Zürcher Seefeld-Quartier als Einzelkind. Auch heute noch pflegt er eine für Aussenstehende bisweilen irritierende Nähe zu seinen Eltern, die eher an südländische als an schweizerische Familienverhältnisse erinnert und die er an seinen Sohn weitergibt. Chris wuchs in einem Umfeld auf, in dem es keine Grenzen der Neugierde und des Erforschens gab. Er erzählt von der Entdeckungslust seines Vaters: Wie dieser Gold waschen ging, Bumerangs schnitzte (und in der Folge gleich einen Verein gründete) und – als Fan alter ostasiatischer Waffen – für Chris ein japanisches Schwert aus Holz fertigte, um dessen Bestandteile zu erklären. Chris erzählt, wie seine Eltern aus purer Lust während einer Nacht die Freizeitanlage seines Quartiers umgestalteten und seine Mutter beim Kochen auch heute noch alles Mögliche ausprobiert (Chris: «Nicht alles kann man essen»). Seine Augen leuchten und er sagt: «Sie haben mir beigebracht, Dinge einfach in Angriff zu nehmen und auch bereit zu sein, zu scheitern.» Erfolge seien nur durch Misserfolge zu erfahren.

[Ich denke: Das Geschenk der Zuneigung. Der Reichtum im offenen Wort, im Vorleben des Möglichen und Hinterfragen des unmöglich Geglaubten. Ein fruchtbares Feld vorbereiten für die Nachkommen. Vorgefertigte Annahmen Lügen strafen.]

Rollbretträder und Farbuntensilien. Foto: Jan Graber, 2018.
Rollbretträder und Farbuntensilien. Foto: Jan Graber, 2018.

Eines Tages habe sein Vater ein Skateboard nach Hause gebracht, sagt er. Fasziniert davon, begannen er und sein engster Freund selbst Rollbretter zu bauen; sie waren 14 Jahre alt. So entdeckte er die Liebe zum Handwerk und die Fähigkeit, Dinge selbst herzustellen. Er absolvierte eine Schreinerlehre und blieb zehn Jahre auf dem Beruf. Mit der Herstellung eigener Skateboards entdeckte er auch den Siebdruck. «Wir mussten die Boards ja irgendwie gestalten», sagt er. Sie brachten sich die Kunst des Siebdrucks selber bei. Rollbretter nur herzustellen, genügte ihm freilich nicht: Er fuhr sie, wurde fünfmal Europameister im Riesenslalom, gewann 2002 elf von dreizehn Rennen in der Schweiz und wurde 2006 Zweiter bei der Weltmeisterschaft. Er sagt: «Ich hatte viele Neider.» Er gründete das Skateboard-Team Airflow, unter dessen Namen er auch die Rollbretter verkaufte. Er sei schon ehrgeizig, gibt er zu. Er sagt: «‹Mitmachen ist das Wichtigste› empfinde ich als Spruch für Verlierer.» Er muss stets das Beste geben und verlangt dies auch von den Menschen in seinem Umfeld. Weiss er aber, dass er sein Bestes gegeben hat, steckt er mühelos auch eine Niederlage weg. Dann waren die anderen einfach noch besser.

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Schweissmaske. Foto: Jan Graber, 2018.
Schweissmaske. Foto: Jan Graber, 2018.

Immer wieder überrascht mich seine Verspieltheit. Den Weg zwischen seinem Atelier und der über fast alles geliebten Kaffeemaschine (die er auch auseinandernimmt und wieder zusammenbaut) legt er oft mit dem Rollbrett zurück. Er bewegt sich mit der Agilität einer Katze, seine Körperbeherrschung und unbefangene Art machen neidisch. Manchmal sieht man Chris mitten unter fremden Leuten Dinge tun, die sich andere nicht trauen würden. Er klettert vor den rauchenden Besuchern eines Restaurants auf ein Strassenschild – nur um ausprobiert zu haben, wie es sich anfühlt. Oder er macht mitten auf der Strasse einen Handstand. Bei gemeinsamen Essen unter Freunden kann er mitten im Gespräch aufstehen und sich auf ein Sofa legen und einschlafen.

Es gibt kaum etwas, vor dem Chris zurückschreckt. Mit seinem Sohn Sean geht er regelmässig ins Breakdance-Training (er ist mit Abstand der Älteste) und er möchte mit ihm, wie früher mit seinem Vater, Gold waschen gehen. Entdeckt er etwas Neues, das sein Interesse weckt, widmet er ihm während Monaten seine ganze Aufmerksamkeit. Er zimmert Pfeilbögen, baut Boote, lernt Schmieden oder bringt sich bei, mit nichts als Spänen und zwei Stück Holz ein Feuer zu entfachen. Er scheut nicht davor zurück, die richtigen Materialien und Maschinen zu besorgen, wenn es darum geht, japanische Essstäbchen herzustellen. Hat er es sich in den Kopf gesetzt, ein ganzes Lamm am Spiess zu braten, baut er dazu auch gleich den nötigen Grill. Seine Vielseitigkeit ist durchwoben von beneidenswerter Effizienz und er legt eine herausfordernde Rastlosigkeit an den Tag. Mitten in der Nacht kann er in sein Atelier gehen und eine Arbeit zu Ende führen. Er sagt: «Mir geht es um die Perfektion und ich kann mich in etwas verbeissen.» Ein feines Lächeln schleicht sich in seine Augen.

[Ich denke: Die Freiheit der Selbstsicherheit, das weite Feld, das sich auftut. Tun, was man will, ohne viele Gedanken an mögliche Zweifel zu verschwenden. Dem Leben einen Sinn oder zumindest Fülle und vielleicht sogar Erfüllung geben.]

Erinnerungsstücke. Foto: Jan Graber, 2018.
Erinnerungsstücke. Foto: Jan Graber, 2018.

Schlaflose Nächte bereitete ihm einst der Verrat eines Freundes, mit dem er das Skateboard-Geschäft ausbauen wollte. In seiner Grosszügigkeit bemerkte er lange nicht, wie er ausgenutzt wurde. Er sagt: «Der Bruch hat mich monatelang beschäftigt.» Neben dem wachsenden wirtschaftlichen Druck führte das abrupte Ende der Freundschaft dazu, dass er die Herstellung der Skateboards aufgab. Die Grosszügigkeit, mit der er sein Umfeld bedenkt, erwartet er auf eine unausgesprochene, feine Weise auch von diesem. Trifft sie indessen nie ein, ist er dennoch enttäuscht – und verliert den Respekt.

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Spontaner Handstand im Atelier. Foto: Jan Graber, 2018.
Spontaner Handstand im Atelier. Foto: Jan Graber, 2018.

Hin und wieder bin ich in seinem Atelier in Altstetten. In dem riesigen Raum stehen Siebdruck-Karusselle, grosse Druck- und Arbeitstische voller Probedrucke, Luftdruck-Pressen, Laserschneidgeräte, Tische, überstellt mit Farbtöpfen, an den Wänden hängen Plakate, lehnen Skateboards und Pfeilbogen, von der Decke baumelt ein selbstgebautes Kajak – die ganze Werkstatt ist ein faszinierendes Kaleidoskop von Maschinen, Werkplätzen, Druckerzeugnissen. Ich schiesse ein paar Portraitfotos. Er sagt: «Ich kann ja einen einarmigen Handstand machen.» Plötzlich steht er kopfüber auf dem Tisch, die Füsse an der Decke, der eine Arm in der Luft. Ich drücke ab.

[Ich denke: Der Moment, wenn Menschen aus sich herauskommen, Nähe zulassen und einem fast zu nahe rücken. Ohne Hemmungen sein, offenen Blickes auf alle Möglichkeiten schauen, selten Zweifel haben, die einen an etwas hindern. Welche Chancen birgt eine solche Begegnung?]

Chris in seinem typischen Outfit. Foto: Jan Graber, 2018.
Chris in seinem typischen Outfit. Foto: Jan Graber, 2018.

Bei einem der vielen gemeinsamen Kaffees faltet Chris ein kompliziertes Origami. Mit den langen Fingernägeln ritzt und knickt er das Papier und gibt sich mit voller Konzentration dem komplizierten Faltmuster hin. Er sagt: «Als Schulkind war ich ein Zappelphilipp, ich hatte Mühe, mich zu konzentrieren.» Dann entdeckte er die japanische Faltkunst. Er sagt: «Es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Die Genauigkeit, die Sorgfalt, die Konzentration und mich erinnern zu müssen – das alles brachte mich zur Ruhe.» Seine Noten wurden besser, die Mutter war erstaunt. Phasenweise nehme er das Origami-Falten wieder auf.

[Ich denke: Der Mensch, der instinktiv das Richtige für sich entdeckt. Ist er offenen Herzens und hört er auf die Eingebung, steht der eigenen Erfüllung kaum etwas im Weg. Die Kraft des Menschen, sich selbst zu heilen.]

Und dann erzählt Chris von seinem Vater, wie er ihm, als sie einmal gemeinsam Halbedelsteine suchen gingen, die wichtigste Lektion seines Lebens beibrachte: Es gebe kein allgemein gültiges Richtig und Falsch, alles sei eine Frage der Perspektive. Er lasse deshalb nichts unhinterfragt stehen und sagt: «Wenn alle Menschen in dieselbe Richtung rennen, werden sie mir suspekt.» Dann nehme er aus Prinzip die Gegenposition ein und stosse so manch ein Gegenüber vor den Kopf. Er sagt: «Ich bleibe immer kritisch, allen und allem gegenüber.» Sein Blick wird nachdenklich und seine Hände streichen ein bedrucktes Plakat glatt.

Jan Graber, Februar 2018.

Die Website: www.hart.ch

Chris inmitten der Farben. Foto: Jan Graber, 2018.
Chris inmitten der Farben. Foto: Jan Graber, 2018.
Beim Siebdrucken. Foto: Jan Graber, 2018.
Beim Siebdrucken. Foto: Jan Graber, 2018.
In Bierbecher abgefüllte Druckfarben. Foto: Jan Graber, 2018.
In Bierbecher abgefüllte Druckfarben. Foto: Jan Graber, 2018.

(Videoanimation «Happy Machines». Quelle: www.hart.ch/Youtube.com).

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