Der Buchhalter

Peter Preissle. Foto: Jan Graber, 2018.

PORTRAIT – Punk der ersten Stunde, Provokateur und Zürcher Urgestein, das selten über die Stadtgrenzen hinaus reist: Peter Preissle ist froh, immer noch ein Aussenseiter zu sein. Bestens vernetzt ist er trotzdem.

Es hätte anders kommen können. Peter Preissle könnte tot sein. Stattdessen führt er fidel plaudernd durch seine kleine, zur Hälfte unterirdisch liegende Galerie an der Predigergasse in Zürich und zählt Namen, bezahlte und heute allenfalls zu erzielende Preise auf und zeigt auf die an den Wänden hängenden Bilder. Die meisten stammen von Zürcher Malern. Daneben hängen einige Werke amerikanischer Underground-Künstler: R. K. Sloane, Donovan Gregory, The Pizz. Die zwei Etagen sind voller Design-Möbel, überall stehen Vasen in allen möglichen Farben und mit verschiedensten Mustern. Manche seien heute ein kleines Vermögen wert, sagt er, während er eine grosse, purpurn leuchtende Glasschale in die Hände nimmt und sie betrachtet. Er sagt: «Mich fasziniert die Chemie, die diese Farben hervorruft.»

Im Haus vis-à-vis, in dem er wohnt, geht die Aufzählung weiter, während wir die steilen, knarrenden Holztreppen des uralten Hauses hochsteigen: Walter Grab, Ernst Faesi, Friedrich Kuhn, Klaudia Schifferle – Peter Preissle reiht einen Zürcher Künstler an den anderen, eine endlose Reihe. Eine Vase, ein Bild, ein Möbelstück zu ergattern, sei wie Beute zu erlegen. Einiges findet er an Auktionen, vieles hat er den Künstlern, von denen er viele selbst kannte oder noch kennt, direkt abgekauft. Er sagt: «Ich habe eine komische Krankheit: Ich jage etwas und wenn ich es habe, ist der Reiz weg.» Er habe Ausdauer, folge aber seinem eigenen Tempo – auch wenn er schwimmend den See überquert. Er sagt: «Ich sammle aber nicht für die Vitrine, ich lebe in der Kunst.» Dennoch scheint er stolz darauf zu sein, dass das meiste, was er günstig erworben hat, heute hohe Preise erzielt. «Und falls nicht, so war es einfach schön.»

Ich denke: Ein Fatalist. Ein Glücklicher. Einer, der mit sich im Reinen ist und dennoch stets auf der Suche. Ein Spiel mit der Ambivalenz: Ein Provokateur und doch einer, der rechnet. Ein Grosszügiger und Liebhaber schöner Sachen, der gleichzeitig Zahlenmensch ist.

Totenkopfring an Preissles Hand. Foto: Jan Graber, 2018.
Totenkopfring an Preissles Hand. Foto: Jan Graber, 2018.

So lebhaft er wirkt: Eine kürzlich erfolgte Operation und der einmonatige Spitalaufenthalt haben ihre Spuren hinterlassen – optisch wie gedanklich. Er hat Gewicht verloren, wirkt immer noch etwas fahl, doch sein blauer Blick ist stechend und klar. Er trägt ein kariertes Hemd, darüber eine blaue Jeansjacke. Meistens treffe ich ihn aber in Schwarz an. Eine Suche nach verlorenen Nierensteinen habe zur Entdeckung eines Tumors geführt. Er sagt: «Ich habe Glück gehabt.» Doch er sei zynisch geworden, manchmal ungeduldig. Er nennt die Ärztevisiten grinsend ein «Rösslispiel» und sagt: «Ich nahm es fatalistisch. Shit happens.» Dennoch begann er sich zum ersten Mal Gedanken über die Sammlung von Bildern, Vasen und Möbeln zu machen und darüber, was er hinterlässt. Er fragt: «Welche Werte vermittle ich meinen drei Töchtern?» Und fügt sarkastisch an: «Selbst ich habe Spiesser gezüchtet.» Sich selbst nennt er einen Aussenseiter.

Farben und Muster: Vasen aus Preissles Sammlung. Foto: Jan Graber, 2018.
Farben und Muster: Vasen aus Preissles Sammlung. Foto: Jan Graber, 2018.

Die Gefahr, dass Preissle, wie ihn jene nennen, die ihn von früher kennen, ein Spiesser werden könnte, bestand kaum je. 1956 wurde er mitten ins Arbeiterquartier Kreis vier geboren. Sein Vater ein Agronomie-Ingenieur, seine Mutter gerade mal 19-jährig. Er sagt: «Mein Vater war ein Faktotum.» Die Familie zog um, stets innerhalb der Stadt, und Peter wechselte die Schulen. Damit er – ich nehme an: ein unbändiger Wildfang – nicht in einer Spezialklasse endete, steckte ihn sein Vater für drei Monate in ein Heim. Er sagt: «Ich stand unter Beobachtung. Es wäre sonst nicht gut gekommen.» Als man feststellte, dass an seiner Intelligenz nicht zu zweifeln war, durfte er aber wieder in eine normale Klasse, aber in einem anderen Schulhaus.

Micky Maus als Möbel. Foto: Jan Graber, 2018.
Micky Maus als Möbel. Foto: Jan Graber, 2018.

Zu Hause wurde es ihm dennoch bald zu eng; er teilte das Zimmer mit seiner Schwester. Einen Grossteil seiner Jugend verbrachte er in Beizen und Cliquen, wurde zur Mitgliedschaft in der «freiwilligen» Pflichtfeuerwehr Enge verdonnert (wo er 15 Jahre lang blieb), absolvierte als Füsilier das Militär (er sagt: «Die Schiess- und Sprengübungen fand ich richtig geil» und lacht rau), machte eine kaufmännische Ausbildung, rasselte betrunken durch die Abschlussprüfung und bestand sie beim zweiten Mal «geringfügig weniger betrunken». Am liebsten habe er die Geradlinigen und Ehrlichen, sagt er. Wenn er von Freunden und Bekannten spricht, nennt er sie oft «Arschlöcher», «Kuh» oder «Sau». Schnell ist klar, dass er die Begriffe wohlwollend verwendet: Er stellt eine grobe Seite zur Schau, die im Grunde aber Zuneigung ausdrückt. Auch spricht er von Menschen und Ereignissen oft so, als müssten sie einem bekannt sein. Er schiebt geflissentlich ein ‹ja› oder ‹doch› in die Sätze, als wäre man damals selbst dabei gewesen: «Er hat sich doch zu Tode gesoffen» oder «Dieser Künstler war ja selbst ein Spieler.»

Ich denke: Preissle war immer schon schwierig zu durchschauen. Er hat eine rohe Sprache und besitzt im selben Augenblick eine sanftmütige Art. Er muss ein wilder Kerl, wohl ein Rudelführer gewesen sein und ihn umgibt bis heute noch etwas Mysteriöses, das für Aussenstehende undurchdringlich zu sein scheint. Der Aussenseiter macht Nichteingeweihte zu Aussenseitern.

Auktionskatalog auf Designsofa. Foto: Jan Graber, 2018.
Auktionskatalog auf Designsofa. Foto: Jan Graber, 2018.

Wir sitzen im Wohn- und Esszimmer, umgeben von Memphis-Möbeln, Designstücken und Kunst. Auf Preissles Knien sitzt ein kleiner Kläffer, der mich aus seinen Glubschaugen unfreundlich anstarrt. Preissle erzählt, wie er als Kind durch Elvis Presley, der «Muss i denn zum Städtele hinaus» sülzt, erstmals mit Musik in Kontakt kommt und später die Rolling Stones entdeckt («Mein Vater hörte die Beatles»). Seine wahre Musikleidenschaft wird indes durch Bands wie die New York Dolls, Queen, Kiss und Blue Öyster Cult entfacht. Dann, im Dezember 1976, kommt es zum Urknall: Preissle begegnet dem Punk. Mit einem Kumpel ist er in London, um Verträge für ein Ramones-Konzert abzuschliessen und kommt am Kensington Market erstmals mit der Londoner Punkszene in Berührung. Er erkennt die enorme Sprengkraft; er will eine solche Szene auch in Zürich haben. Kurzerhand plündert er zu Hause als 20-Jähriger sein Jugendsparheft und steckt die gesamten Ersparnisse in ein Punk-Fanzine: 18 Ausgaben von «No Fun» gibt er mit einem Mitstreiter heraus, hergestellt mittels Xerox-Kopien, Letraset-Schriften und Tipp-Ex. Die Magazine sind das Feld, auf dem die Zürcher Punkszene gedeiht. Währenddessen arbeitet er weiterhin als Treuhänder und betreut grosse Kunden. Er sagt: «Ich habe nie Anzug und Krawatte getragen.» Doch es ist das Fanzine, das die Weiche für seine Zukunft stellt: Er lernt den Zürcher Pornokino-Betreiber Edi Stöckli kennen, der ihn anstellt. Preissle sagt: «Preissle, Punk, Pornos: So kam ich nie in Versuchung, ein normales Leben zu führen.»

Ich denke: Das ist einer, der sich mit jeder Faser seines Seins den Regeln und der Anpassung widersetzt, egal, welches die Konsequenzen sind. Ein Jovialer und Widerspenstiger in einem – einer, mit dem nicht zu spassen ist, der dir aber treu ergeben ist, wenn er dich mag. Ein Verwurzelter, auf den man sich verlassen kann, mit dem Dinge zu erreichen sind.

Memphis-Möbel in Preissles Wohnzimmer. Foto: Jan Graber, 2018.
Memphis-Möbel in Preissles Wohnzimmer. Foto: Jan Graber, 2018.

Manchmal stellt er Sätze in den Raum, die ihre hintersinnige Wirkung verzögert entfalten. Dann tappt er mit den Fingern auf den Tisch, lehnt sich zurück, sein Blick wandert in die Ferne und er wartet darauf, dass der Witz verfängt. Er sagt Sätze wie: «Man kann sich ja nicht mit sich selbst prügeln», wenn er auf seine Mitgliedschaft in Jugend-Cliquen und bei den Fans des Fussballclubs Zürich anspielt. Verfängt der Satz, flackert ein kurzes Lächeln über sein Gesicht, um sich schnell zu einem breiten Grinsen auszuweiten. Einen Augenblick später ist er wieder ernst, allenfalls gleitet noch der Schatten eines letzten Lächelns über seine Mundwinkel. Die untere Lippe ziert eine schiefe Narbe.

Das Vereinswesen lag Preissle stets im Blut: Er nahm zusammen mit Künstlern an der Fastnacht teil, besuchte regelmässig den Zürcher Künstlermaskenball und das Sechstagerennen. Er sagt: «Es waren die einzigen Anlässe, die Freinächte boten. Wer nicht dabei war, galt als Fübü» – also als «Füdlibürger», sprich: Spiesser. Er sagt: «Es war Anarchie, wir waren alle Outsider.» Mit den Polizisten sei man per Du gewesen. So knüpfte er Netzwerke, die heute noch halten. Später zieht er in die Zürcher Altstadt, regt sich aber darüber auf, wie im Niederdorf gewirtschaftet wird. Er sagt: «Bieder.» Er tritt in den Vorstand der Geschäftsvereinigung Altstadt ein, hilft, das Dörflifest und den Rosenhofmarkt zu organisieren und wird Mitglied der Bar- und Clubkommission. Er sagt: «Wenn ich etwas verändern will, kann ich nicht nur rumschreien.»

Ich denke: Ein Aussenseiter und doch Teil einer Gemeinschaft. Untergrund, geheimer Club, bisweilen an der Grenze zur Illegalität, manchmal vielleicht mitten darin. Respektlosigkeit vor dummen Regeln und Respekt vor den Ehrlichen. Er erinnert mich an ein stilisiertes Bild des Londoner Mobs aus dem Gangsterfilm «Lock, Stock and Two Smoking Barrels». Mitglied eines in sich geschlossenen Clans, der sich stützt und schützt.

Peter Preissle. Foto: Jan Graber, 2018.
Peter Preissle. Foto: Jan Graber, 2018.

Meist treffe ich Peter Preissle an Konzerten an. Plötzlich steht er da, wie aus dem Nichts aufgetaucht: kompakt, gedrungen, rund und geerdet. Vor der Operation wirkte er wie eine Kugel. Er besucht noch immer viele Konzerte. Er sagt: «Mein Alter ist mir nicht immer bewusst.» Wenn er Bands schaut, die vor allem von Jüngeren gehört werden, kenne er oft niemanden mehr. «Und trinken darf ich auch nicht mehr», sagt er, tappt mit den Fingern auf den Tisch, der Blick in der Ferne. Er spielt mit der imaginären Kamera, weiss um die Wirkung seiner Handlungen.

Er sagt: «Nenn mich ruhig Buchalter, aber auf keinen Fall CEO. Und Edi Stöckli ist ein Popcorn-Verkäufer.» Doch eigentlich ist Preissle Geschäftsführer von Art Media Produktion. Er sagt: «Zürich ist mein Spielplatz, hier habe ich fünfzig Wochen Highlife.» Ausserdem könne er nicht Auto fahren, wieso solle er verreisen? Sich selbst bezeichnet er als Stadtwanderer. Ab und zu zieht es ihn dann doch fort, zum Beispiel nach Madeira. Er sagt: «Da hat’s nichts. Keine Partys. Aber gutes Bier und eine fantastische Küche, Natur, Früchte und Gemüse.» Er koche fürs Leben gern, hasse aber diese ganzen Foodtrends: Fooby, die Burger- und Bowl-Kultur. Sagts und verfüttert einen feinen Cervelat, den ich ihm als Geschenk aus einer Metzgerei aus Höngg mitgebracht habe, an seinen kleinen Köter. Er sagt: «Das ganze Leben ist ein Spiel.»

Texte & Fotos: Jan Graber, September 2018.

Peter Preissle ist Mitorganisator des Musikfestivals Niederdorf Live, wo nach Martin Strickers Tod erstmals wieder «Graber: Lieder zum Schluss» aufgeführt wird.

Peter Preissle und Blanco. Foto: Jan Graber, 2018.
Peter Preissle und Blanco. Foto: Jan Graber, 2018.
Die Musiksammlung umfasst Tausende von CDs. Foto: Jan Graber, 2018.
Die Musiksammlung umfasst Tausende von CDs. Foto: Jan Graber, 2018.

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